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Von Schwiegermütter-Tipps  und Dopaminjunkies – 

Wie unser Gehirn, Informationen und Emotionen verarbeitet um uns zum Ziel zu bringen

Impressionen von der Summer University „NeuroScience und Coaching“ der International Coach Federation (ICF)
von Susanne Langer

Was passiert eigentlich im Gehirn, wenn wir Entscheidungen treffen, um Selbstkontrolle ringen oder in Stress geraten? Dieser Frage gingen die vier Redner und Workshopleiter der 1. Summer University der ICF in Kooperation mit der Goethe Business School am Samstag, dem 23. August, in Wiesbaden nach.








Dr. Peter Szabo, Master Certified Coach  aus der Schweiz, zäumt das Pferd vom Schwanz auf: Er berichtet von erstaunlichen Verwandlungen in seiner Coaching-Praxis und bittet  die Neurowissenschaftler diese Phänomen zu erklären. Die Neuro-Ökonomin Dr. Karolien Notebeart aus Belgien verrät uns, wie im Gehirn Selbstkontrolle erzeugt wird, damit wir unsere langfristigen Ziele besser erreichen. Frederike Wiedemann hat sich nach ihrer Karriere bei McKinsey und ihrer Forschung am Max-Planck-Institut für Hirnforschung der Förderung von Führungskräften mit Hilfe  angewandter Hirnforschung gewidmet.  Dr. Zrinka Sosic Vasic vom Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen der Uni Ulm berichtet über die Erfolgsfaktoren des Lernen aus der Sicht der Hirnforschung.

Auch wenn viele Prinzipien des Denkens im Coaching bekannt sind, waren sich die Teilnehmer jedoch einig: Die Summer University bot einen konzentrierten Überblick über vielschichtige Erkenntnisse der Neurowissenschaften, praktische Übungen, die Coaching-Klienten direkte Hilfe ermöglichen, und zahlreiche Fakten und Studien, die zeigen, wie Coaching in unserem Gehirn wirkt.

Angenommen Sie wären dort, wo Sie hinwollen, was hätte sich für Sie verändert?


So nähert sich  Peter Szabo oft den Anliegen seiner Coaching Klienten, wie beispielweise einer Dame, die Ihre Führungskompetenz und ihr Durchsetzungsvermögen stärken wollte. Auf einer Skala von 0 bis 10 sah sie ihre aktuellen Führungskompetenzen bei zwei bis vier. Doch als ihr die obige Frage gestellt wird, verändert sich alles: Plötzlich kann sie mit sehr großer Bestimmtheit sage, was sie tun würde, wenn sie mehr Durchsetzungsvermögen hätte: Sie würde mal so richtig Tacheles reden mit ihrem Vorstand. Ihr Ton und ihre Körperhaltung ließen keinen Zweifel an ihrem Durchsetzungsvermögen, das auf der  Skala locker bei 8 liegt. Gibt es vielleicht weitere Beispiele, in denen sie schon einmal ihre Durchsetzungsstärke erlebt hätte? „Jetzt wo Sie es sagen“, antwortet sie energisch, „gerade gestern habe ich meinem Chef mal gesagt, was ich schon immer sagen wollte.“ „Woher kommt diese Überzeugung auf einmal, wo doch 10 Minuten zuvor das Durchsetzungsvermögen noch auf zwei bis vier geschätzt wurde?“, fragt Peter Szabo die anwesenden Neurowissenschaftler.

Die Tipps Ihrer Schwiegermutter

„Ihr Gehirn ist darauf programmiert, dass Sie über Ihre Grenzen hinauswachsen“, behauptend Dr. Karolien Notebaert. Doch warum passiert es dann immer wieder, dass wir kurzfristigen Impulsen den Vortritt einräumen gegenüber unseren langfristigen Zielen? Impulse kommen Bottom up aus dem limbischen System des Gehirns. Sie entstehen schnell, mühelos und drängen zu einer schnellen Entscheidung. Demgegenüber steht der präfrontale Cortex, der eher Top-down die bewussten Ziele der Person verarbeitet. Leider arbeitet dieses System eher langsam, mühsam und hat obendrein nur eine begrenzte Kapazität. Prallen beide Systeme mit unterschiedlichen Handlungsimpulsen aufeinander, gewinnt meistens das schnelle, mühelose limbische System. Die Selbstkontrolle bricht zusammen, besonders dann, wenn das Selbstkontroll-System schon überlastet ist. Dr. Notabaert illustriert dies an Konfliktsituationen, wenn die Schwiegermutter sich in die Finanzen einmischt. Hier treten  verschiede Stressauslöser gemeinsam auf. Das System ist überfordert. Notebaert  stellt dazu ein Drei- Schritt-Programm vor.  Erstens: Vermeiden Sie eine Überanstrengung des präfrontalen Cortex und gönnen sie sich eine Pause, wenn das limbische System Ihre Selbstkontrolle auf die Probe stellt. Zweitens: Lösen Sie den Konflikt zwischen den beiden inneren Systemen. Auch das kann  nur gelingen, wenn der präfrontale Cortex noch nicht völlig erschöpft ist. Besonders hilfreich ist es sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren und erst einmal zu akzeptieren, dass das limbische System bestimmte Gefühle wie Erschöpfung oder Wut oder Unsicherheit meldet. Drittens: Trainieren Sie Ihre Selbstkontrolle durch einfache aber regelmäßige Übungen. Dann kann Sie auch ihre Schwiegermutter nicht mehr aus der Ruhe bringen.

Dopaminjunkies oder die Kunst, das eigene Leistungshoch zu erkennen

So eine einfache regelmäßige Übung stellte Frederike Wiedemann vor: Die STOP-Übung ist bei den Führungskräften aus ihren Trainings besonders beliebt, weil sie kurz und effizient ist und man sie überall in jedem Moment durchführen kann. Sagen Sie im Alltag alle ein bis zwei Stunden mal STOP. (S für Stop),  atmen Sie tief durch (T für Take a deep breath), beobachten Sie eine Minute lang, was gerade in Ihnen und in Ihrer Umgebung vorgeht (O für Observe) und gehen Sie dann schließlich wieder zur Tagesordnung über (P für Proceed). Mit einfachen Bewusstseinsübungen wie dieser lösen Sie viel Spannung zwischen Ihrem limbischen System, das Sie mit unwillkommenen Emotionen  vom Denken abhält, und dem präfrontalen Kortex, der sich gerade mit den wichtigen Aufgaben Ihrer Arbeit beschäftigen will.
Wir kennen diese Modelle des Gehirns alle, doch es gibt immer wieder Coaching Klienten, die diesen  Erkenntnissen aus der Hirnforschung  misstrauen oder glauben, dass sie persönlich ganz anders ticken. „Wie motiviert man einen Manager unter Strom dazu, einen Stopp einzulegen?“,  fragte eine Teilnehmerin. Frau Wiedemann kennt die Situation aus Gesprächen mit Führungskräften, die behaupten: „Ich kann erst unter Stress erst richtig gut arbeiten!“ Dann zeichnet sie den Verlauf der Leistungsfähigkeit in Abhängigkeit von der äußeren Anspannung auf. Bei zu geringen äußeren Reizen sind wir gelangweilt, erst bei dem richtigen Aktivierungslevel von außen kommt der Flow-Bereich. Überschreiten wir diesen, gelangen wir in den Bedrohungszustand (threat zone), in dem keiner mehr leistungsfähig ist. Die Form der Kurve ist bei allen Menschen ähnlich. Allerdings ist der Peak mal bei weniger Anregung von außen erreicht, mal bei mehr. Er verschiebt sich also von Mensch zu Mensch horizontal. Das hängt vom Dopaminhaushalt der Betroffenen ab. Einige Menschen brauchen viel Anregung von außen, um in ihr Leistungshoch zu kommen. Dopamin ist dann wie eine körpereigene Droge. Andere Menschen erreichen ihr Leistungshoch ohne diese äußere Aufregung. Die meisten Führungskräfte glauben, das gälte nur für Kindergärtnerinnen und Beamte. Doch es gilt auch für Nobelpreisträger und Bestsellerautoren, kurz für alle, die am effektivsten sind, wenn sie ruhig für sich arbeiten. „Ich will den Führungskräften damit klar machen, dass die Leistungsfähigkeit bei allen  gleich ist, nur das äußere Anregungslevel und das Dopaminlevel sind unterschiedlich.

Lernen heißt Spuren im Gehirn hinterlassen

Büffeln, Pauken, Bimsen – viele Synonyme über Lernen verraten, welches Image wir von dieser Tätigkeit haben. Anstrengend, mühsam, unsexy! Dabei ist das Gehirn darauf programmiert, manchmal auch ganz mühelos zu lernen, wie einige der Experimente von Dr. Sosic-Vasic zeigen. Sie zeigt rosa und graue Comicgesichter und fragt anschließend nach welcher Regel die Farben zugeordnet sind. Alle Teilnehmer hatten intuitiv erkannt, dass die Augen bei den rosa Gesichtern höher und enger beieinander standen – trotz hoher Geschwindigkeit und vielen Variationen von andern Merkmalen. Das Gehirn ist ein ausgezeichneter Regelextraktor. Es braucht nur viele Beispiele und schon entstehen neue Synapsen, die Unbekanntes mit Bekanntem verknüpfen. Lernen ist also eher ein physisches Wachstum im Gehirn: Wissen wird im Gehirn nicht gespeichert wie auf einem Computerchip, sondern vernetzt. Nur dann erzeugt es Spuren im Gehirn. Doch was braucht es, damit diese neuen Synapsen auch wirklich entstehen? Bedeutsamkeit ist der entscheidende Filter für das Gehirn. Nur wenn wir uns gut fühlen und gleichzeitig klar denken können, weiß das Hirn, dass hier etwas passiert, das die Mühe für neuen Synapsen wert ist. Die magische Formel für den Lernerfolg von Frau Sosic-Vasic lautet daher M = E3: Motivation setzt sich zusammen aus Eigenständigkeit, Einbindung und Erfolgserlebnissen.
Der Tag hat gezeigt, wie einen intensiven Austausch zwischen Neurowissenschaftlern und Coaches eine fruchtbare Zusammenarbeit schafft.